Finde den Fehler

Posted in Studium on April 26th, 2010 by Merovius

Moin,

ich habe da ein kleinen Denkfehler, den finde ich nur nicht. Brauch Hilfe ;)

Ich zitiere mal Wikipedia:

Eine Menge M\subseteq\mathbb{R} wird von einer Menge vom Maß 0 überdeckt, wenn für alle ε > 0 gilt: Es existiert eine offene Überdeckung von M aus höchstens abzählbar unendlich vielen Quadern und die Summe der Maße dieser Quader ist kleiner als ε.

Nun tun wir das folgende: Sei f: \mathbb{N} \to \mathbb{Q} eine Abzählung für \mathbb{Q}. Wir überdecken \mathbb{Q} offen, indem wir um jede rationale Zahl q den offenen (f^{-1}(q))^{-2}-Ball legen. Damit erhalten wir eine offene Überdeckung mit Maß \mu := \sum_{n=1}^\infty 2n^{-2}, also ein endliches Maß. Zu gegebenem \epsilon > 0 wählen wir dann ein \epsilon > \delta > 0 und multiplizieren die Überdeckung mit \frac{\delta}{\mu} und erhalten so eine offene Überdeckung von \mathbb{Q} mit Maß kleiner als \epsilon (super, wir haben bewiesen, dass \mathbb{Q} eine Nullmenge ist!).

Die Frage, die sich nun stellt ist: Haben wir auch eine offene Überdeckung von \mathbb{R}\setminus\mathbb{Q}?

Die (offensichtliche) Antwort ist „nein”, denn sonst wäre \mathbb{R}\setminus\mathbb{Q} eine Nullmenge und damit auch \mathbb{R}. Ich aber finde diese Antwort ziemlich konterintuitiv, denn schließlich liegen in jeder Umgebung um jede irrationale Zahl beliebig viele rationale Zahlen.

Ich bin mir ziemlich sicher, ungefähr zu wissen, wo der Denkfehler liegt, aber ich wüsste trotzdem gerne, was ihr davon denkt und vielleicht hat ja jemand einen eingängigen Beweis, warum das keine Überdeckung von \mathbb{R} ist…

[Update] Danke an Dominik, für den entscheidenden Hinweis, wie sich beweisen lässt, nicht nur, dass es sich nicht um eine Überdeckung von \mathbb{R} handelt, sondern auch, dass die nicht überdeckte Menge keine Nullmenge ist.

Wir nehmen an, \epsilon > 0 sei gegeben und wir führen die obige Konstruktion durch.

Zunächst zeigen wir, dass es sich nicht um eine Überdeckung handelt. Dazu betrachten wir das Intervall \left[-\frac{\epsilon}{2},\frac{\epsilon}{2}\right]. Dieses wird dann ebenfalls überdeckt. Da das Intervall kompakt ist, existiert eine endliche Teilüberdeckung. Aufgrund der Subadditivität des Maßes ist jedoch das Maß dieser Teilüberdeckung kleiner, als das Maß der gesamten konstruierten Überdeckung – also eben auch kleiner als \epsilon und damit kleiner als das Maß der angeblich überdeckten Fläche.

Grundsätzlich ist damit bereits gezeigt, dass sogar eine Menge mit Maß größer als 0 nicht überdeckt wird und daß damit \mathbb{R} keine Nullmenge ist. Man kann aber noch einen kleinen weiteren Schritt machen und annehmen, dass die nicht überdeckte Menge eine Nullmenge ist. Dann können wir aber wieder eine höchstens abzählbare Überdeckung der bisher nicht überdeckten Menge finden, deren Maß kleiner als \epsilon ist – und erhalten so eine abzählbare Überderdeckung von ganz \mathbb{R}, mit Maß kleiner als 2\epsilon. Wenden wir dann das obige Argument auf das Intervall [-\epsilon, \epsilon] an, erhalten wir einen Widerspruch.

Also, ich bin glaube ich zufrieden gestellt, es sei denn, es kommen irgendwelche Einwände, die Lücken in dieser Argumentation aufzeigen.

Wer das Problem interessant fand, den interessiert vielleicht auch das Banach-Tarsky-Paradoxon, auf das Oli mich aufmerksam gemacht hat. Auch wenn es höchstens randmäßig mit dem Problem zu tun hat, wie sich herausgestellt hat, ist es auf jeden Fall interessant – und eine tolle Party-Anekdote (was? Ihr klärt auf Parties die anwesenden Unwissenden nicht über die Wunder der Mathematik auf? Manche Menschen haben einfach keinen Charme…).

Collateral Murder

Posted in Politik on April 5th, 2010 by Merovius

Moin,

Disclaimer: Ich hatte noch keine Zeit mir das anzuschauen, aber das Material soll ziemlich brisant sein.

WikiLeaks hat heute ein Video geleakt, auf dem wohl zu sehen ist, wie U.S.-Militärs ein paar (genaue Zahl ist mir (noch) nicht bekannt) Zivilisten von einem Hubschrauber aus abschiessen.

Auf http://collateralmurder.org/ sind ein paar Ressourcen zusammengestellt, inklusive Links auf verschiedene Möglichkeiten, sich das Video online anzuschauen oder herunterzuladen, einem Transkript der Übertragungen (auch in Deutsch) und mehr. Hab beschlossen, heute mal eine Nacht lang nur diesen Torrent zu seeden und diesen Blogpost zu schreiben, um meinen bescheidenen Beitrag zur Verbreitung der Informationen und der Diskussion zu tun.

Werde mir das Video und das Transkript heute Nacht genauer anschauen und dann ggf. noch mal ein Update bringen.

Gruß,

ich

[update] Mitlerweile haben sie auch das volle Video zum Download zur Verfügung gestellt. Auf diesem ist insbesondere auch der spätere Raketenangriff festgehalten.

Und nachdem ich das Video nun gesehen habe, kann ich nur sagen, ich bin… nun, nicht geschockt, denn Schock impliziert Überraschung und überrascht bin ich nicht.

Zunächst: Ich leugne nicht, dass aus der Entfernung mit der schlechten Sichtqualität die Taschen und Kameras der Reporter aussehen, wie Waffen. Auch ich habe das, womit dort herumgefummelt hat zunächst für einen Raketenwerfer gehalten (bei genauerem Hinsehen ist aber offensichtlich, dass es sich um eine Kamera mit Teleobjektiv handelt). Und ich verstehe auch den Stress, unter dem die Soldaten stehen.

Aber all das ist keine Entschuldigung dafür, unprovoziert zu feuern. Es ist definitiv keine Entschuldigung dafür, sich über die Getroffenen lustig zu machen. Und es ist auch keine Entschuldigung über den schwerverletzt am Boden liegenden zu sagen:

Come on, Buddy. All you got to do is pick up a weapon…

Oh und nicht zu vergessen, dass sie ein ziviles Fahrzeug auseinendernehmen, ohne den geringsten Hinweis auf Waffen, als man damit gerade den Verwundeten in Sicherheit bringen wollte…

Ob zivile Opfer in einem Krieg toleriert werden müssen, der Zweck heiligt die Mittel usw. ist sicher eine interessante Debatte, aber eine vollkommen andere. Hier geht es um die Frage, ob man wirklich Menschen Waffen in die Hand geben will und ihnen erlauben soll, zu töten, die offensichtlich Spaß dabei haben. Und was man mit Menschen machen soll, die so offensichtlich gegen die Rules Of Engagement verstoßen haben.

Und natürlich muss man die steigende Tendenz in Frage stellen, die Soldaten von den Kampfhandlungen fernzuhalten. Die Distanz verleitet wohl, die ganze Sache wie ein Computerspiel zu betrachten. Bei diesem Vorfall war es ein Helikopter – was passiert, wenn die Soldaten gemütlich zu Hause sitzen und nur noch Roboter fernsteuern, mag ich mir nicht vorstellen. Julian Assange (Mitgründer von WikiLeaks) fasst die Problematik in einer sehr sehenswerten Diskussion bei MSNBC sehr treffend zusammen.

Mehr bleibt eigentlich nicht zu sagen. Ich empfehle, zwei Stunden oder so zu investieren, sich das Video anzuschauen und einen Blick auf die Ressources-section der Seite zu werfen. Lesenswert ist sicher auch dieser Artikel.