Moin,
in letzter Zeit sind ja Bitcoins sehr populär geworden, auf einmal ist jeder ein kleiner Volksökonom und ruft die finanzielle Anarchie aus. In diesem Rahmen habe ich natürlich auch sehr viel über Geld und Finanzen nachgedacht und im Zuge dieser Nachdenkerei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich dann auch endlich mal über Kontrollverlust bloggen muss. Haben ja schon viele vor mir getan.
Basis all dieser Beobachtungen ist, dass Eigentum frei ist. Nein, wirklich! Wir fühlen uns gern sicher, wenn wir mit Geld in der Tasche losziehen und uns Dinge davon kaufen, wir sind uns dann sicher, dass ist unser Geld und die Waren, die wir davon kaufen, gehören anschließend uns. Dabei sind wir uns überhaupt nicht der Tatsache bewusst, dass wir einem andauernden Kontrollverlust ausgesetzt sind.
Als Beispiel: Wenn ich zur Bank gehe und mein Geld dort auf mein Konto lege. Wer garantiert mir dann eigentlich, dass ich mein Geld zurück bekomme? Was sollte die Bank daran hindern, mein Geld einfach zu behalten? Oder ich zahle per Kreditkarte. Wer garantiert dem Geschäft, dass er sein Geld von der Bank bekommt? Oder der Bank, dass sie ihr Geld von mir bekommt? Und – da es hier ja nicht um die Kontrolle über Geld, sondern die über Eigentum geht – wer garantiert mir, dass in meiner erworbenen Cornflakes-Schachtel wirklich Cornflakes sind – und wenn, dann, dass es die von Kellog’s sind (stellt ja auch irgendwie einen Wert dar)?
Wir kannten das doch schon als Kinder – dass wir mal dem Günther ‘ne Mark geliehen haben, damit er sich nen Lutscher kaufen konnte. Aber er musste dann natürlich schon versprechen, dass er uns die wiedergibt. Und wenn er das nicht gemacht hat, sind wir dann zu Mama gerannt und wenn er dann gesagt hat, dass das gar nicht stimmt, dann tja. Und hätte ich Günther kein Geld geliehen, dann hätte ich meine Mark jetzt noch und könnte mir selbst nen Lutscher kaufen. Aber das wäre ja asozial.
Natürlich könnte ich dann die Bank verklagen, oder Günther anzeigen. Aber mal ganz ehrlich, welcher Staatsanwalt eröffnet schon ein Verfahren wegen ‘ner Mark für nen Lutscher und wenn die Bank in ihrem Computer halt ein paar Euro weniger auf meinem Konto stehen hat, kann ihr das auch keiner nachweisen, dass ich die nicht abgehoben habe. Und selbst bei den Kellog’s müsste ich ja beweisen, dass ich genau diese Schachtel in genau dem Laden gekauft habe und dass bei der Öffnung bereits schon keine Cornflakes (oder eben billige Pappflakes) darin gewesen sind. Geht ja gar nicht, das alles.
Und gegen den Staat helfen ja selbst die Gesetze nicht. Weil, der Staat macht ja die Gesetze! Der kann ja einfach vorbeikommen und sich nehmen, was er will. Und wenn ich mich dann beschwere, dann macht er einfach ein Gesetzt, was besagt, dass ich kein Recht auf Eigentum habe. Das ist zwar vielleicht verfassungswidrig, aber das dauert ja eh ewig, bis das Verfassungsgericht das kassieren kann.
Und dann gibt es ja noch meine Wohnung. Die ich ja abschließe. Aber wir wissen alle ganz genau (hoffe ich doch?) dass kein Schloss echte Sicherheit liefert. Ob nun der freundliche Lockpicker in der Nachbarschaft, ein Schlosser oder auch ein Brecheisen (oder meinethalben eine gezielte Sprengladung), wenn jemand wirklich will, hält ihn ein Schloss höchstens ein paar Sekunden auf. Die Kontrolle über mein Eigentum ist also auch in meinem höchstpersönlichen Lebensbereich einfach nur eine Illusion. Eigentlich besitze ich meine Familienfotos und meine Stereoanlage gar nicht, schließlich kann jeder jederzeit vorbeikommen und sie mir nehmen.
Nachdem jetzt also unwiederlegbar bewiesen wurde, dass sämtliche Schutzmaßnahmen von Eigentum sinnlos sind, bezeichnen wir Eigentum ab jetzt als frei und nehmen dogmatisch an, dass das eine klare Tatsache ist, die alle ebenso sehen.
An dieser Stelle ist es wichtig festzuhalten, dass ich nicht fordere, dass alle ihr Geld munter aus dem Fenster werfen und an fremde Menschen verteilen. Ich möchte nur ergebnisoffen diskutieren, ob Eigentum noch zeitgemäß ist, oder ob wir uns angesichts des zunehmenden Kontrollverlustes nicht vielleicht fragen sollten, ob es besser wäre, Eigentum einfach abzuschaffen. Wenn niemand besitzt, geht es doch allen viel besser. Wenn man nicht will, dass jemand anderes etwas nimmt, muss man es eben dauernd in der Tasche mit sich rumtragen und jedem, der die Tasche schief beäugt hauen, oder weglaufen, wenn jemand danach greift, um es in Sicherheit zu bringen. Hindert einen ja keiner dran, das Einzige, was wegfiele, wäre das staatlich garantierte Recht, dass einem niemand in die Tasche greift und es wegnimmt.
Schließlich – und auch darüber muss man ja ausführlich referieren – richtet das Recht auf Eigentum ja auch riesige Schäden an. Neulich hatte ich richtig Lust auf eine Birne, aber mein Portmonaie vergessen. Hab mir dann eine aus dem Bioladen mitgenommen, aber ich war noch nichtmal zur Tür raus, als so ein Sicherheitsmensch mich am Kragen gepackt hat und mir gesagt hat, dass ich das nicht darf. Ich mein what the fuck? In was für einer beschissenen Welt leben wir eigentlich, wenn ich nichtmal jederzeit und wann immer ich Lust habe Birnen essen darf? Die Technologie hat es möglich gemacht, dass wir zu jeder Jahreszeit frisches Obst aus aller Welt genießen können und dieses verdammte Recht auf Eigentum verhindert, dass ich das so richtig ausnutzen kann. Das ist doch ein Widerspruch in sich? Man könnte Eigentum da ja glatt als Gedankenverbrechen bezeichnen! Die Welt wäre doch voll Dufte ohne Eigentum, das anders zu sehen ist ein Verbrechen, jawohl! Und um zu verhindern, dass überall Autos und Fahrräder geklaut werden, müsste man ja überall Kameras aufstellen. Und das will ja auch keiner, so Totalüberwachung!
Und wie häufig konnten Verbrechen schon nicht aufgeklärt werden, weil ein entscheidenes Beweisstück nicht verwendet werden konnte, weil es dem Täter gehörte (oder auch nicht dem Täter, sondern nur irgendwem anders)? Recht auf Eigentum schützt den Täter also! Und überhaupt!
Eigentlich ist es ja auch falsch, dauernd vom Kontrollverlust zu sprechen. Das ist ja eine Frage der Sichtweise, ob ich jetzt die Kontrolle über mein Eigentum verliere, oder die Kontrolle über fremdes Eigentum gewinne. Und am Ende ist mangelndes Eigentum eh Freiheit, nämlich die Freiheit der Selbstverwirklichung. Wenn ich nämlich die Spaghetti der ganzen Welt verwenden darf, kann ich viel größere Spaghettibilder kleben. Und Spaghettibilder sind schließlich die Spitze künstlerischen Wirkens, wie schon mein Friseur feststellte (Eigentlich müsste ich hier noch Freud, Hobbes und meine Mutter zitieren, die zwar alle nichts zu dem Thema gesagt haben, aber sich sicherlich trotzdem irgendwie darauf beziehen lassen, aber dann würde der Artikel zu lang).
Und an der Stelle möchte ich dann auch nochmal über Argumentationsstrukturen reden. Weil wegen, wenn es um Datenschutz geht, dann kann man so argumentieren, aber wenn es um Eigentum geht, dann ist das nicht möglich, ja ne, ist klar und so.
Und wenn du jetzt hier angekommen bist, dir die Zeit genommen hast, diesen gar nicht mal so furchtbar kurzen Blogbeitrag zu lesen, wenn du angefangen hast, gemütlich mit einer Tasse heißer Schokolade und dir dachtest „Schau’n wir mal, was er zu sagen hat, vielleicht hat der sich ja Gedanken gemacht“ und wenn du zunehmend ungläubig den Kopf geschüttelt hast, weil du dir einfach nicht vorstellen kannst, dass ein Mensch ernsthaft so etwas schreiben kann, wenn dir mitlerweile der Kopf blutet, weil du ihn so häufig auf den Tisch geschlagen hast und du unbändige Lust verspürst, dir mit einem Schlagbohrer diesen Post aus dem Gehirn zu bohren und du dich trotzdem ruhig hinsetzt und einen Kommentar schreibst, in dem du darlegst, warum die Forderung, Eigentum abzuschaffen (die ich ja nicht stelle, ich will ja nur ergebnisoffen über Eigentum diskutieren), auf Basis solcher Argumentationstiefe Unsinn ist, dann lass dir gesagt sein, dass du ja nur nicht willst, dass deine heilige Kuh Eigentum hinterfragt wird.
PS: Die ausgewählten Links sind exemplarisch. Es handelt sich um Einzelfälle, die mir gut genug im Gedächtnis geblieben sind und schnell auffindbar waren. Es sind weder die einzigen, noch die wichtigsten Quellen.
PPS: Ich bin übrigens eigentlich deutlich eigentumskritischer, als es diese Verballhornung der Spackeria nahelegen würde. Ich hoffe aber, dass meine Meinung da durch mehr Reflektion geprägt ist, als dieser Beitrag. Aber das ist ein anderes Thema, nicht wahr?